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Kunst

Berge und Flüsse

Von Friedrich Dimmling

Druckgrafik habe sie schon als Kind fasziniert, sagt Eva Pietzcker, das quasi magische Entstehen eines Bildes beim Abziehen des Papiers vom Druckstock. Doch es muss ein weiter Weg gewesen sein bis hin zu ihren heutigen Meisterwerken der japanischen Holzschnittkunst, zu Bildern, die in der intensiven ruhigen Kraft den Vergleich mit den chinesischen Tuschezeichnungen etwa eines 趙孟頫 Zhao Mengfu der Yuan Dynastie nahelegen. Was über dessen Zeitgenossen, den Daoisten 方從義 Fang Congyi, Schöpfer visionärer Landschaften gesagt wurde, könnte auch über dem Werk Eva Pietzckers stehen: „Er malte Landschaften, die dem Gestaltlosen Form gaben, und transformierte Gegenständliches in eine Existenz ohne äußere Form.“ „Berge und Flüsse“, 山川 shan chuan, steht im Chinesischen für Landschaft. Wie Berge und Flüsse – oder auch ihre Abwesenheit – den Charakter einer Landschaft prägen, so lassen die Felsen und Wasserspiegel in Eva Pietzckers Druckgrafiken mit ihrer fast magischen Präsenz die Seele der eingefangenen Szenerien erahnen.

Zunächst studierte Eva Pietzcker, die 1966 in Tübingen geboren wurde, von 1987 bis 1992 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, danach an der Hochschule der Künste in Berlin. Seit 1991 ist sie als freischaffende Künstlerin in Berlin mit dem Schwerpunkt Druckgrafik tätig, zunächst im Bereich von Radierung und Siebdruck. Mit der „Entdeckung“ der Technik des japanischen Holzschnittes aber hatte Eva Pietzcker ihr Medium gefunden. Sie schreibt dazu selbst: „Verglichen mit der westlichen Technik des Holzschnitts, nach der mit einer Walze aufgetragene Ölfarbe mit Hilfe einer Presse auf die Oberfläche des Papiers gedruckt wird, wird nach der japanischen Technik die mit Pinseln aufgetragene Wasserfarbe mit der Hand gedruckt, wobei sie tief ins Papier eindringt. Dadurch wirken Holzschnitte, die mittels dieser Technik gedruckt wurden, äußerst malerisch und ähneln eher Aquarellen.“

Diese Technik passt perfekt zum Sujet der Landschaftsmalerei, die sich im Werk von Eva Pietzcker schnell durchsetzt. Es entstehen Bilder von großer Ruhe und intensivem Ausdruck. Der Prozess der Realisierung verteilt sich dabei auf zwei Abschnitte. Vor Ort in der Landschaft, oft nach stundenlangem Suchen nach dem geeigneten Blick, manchmal auch in einem kleinen Boot auf dem See sitzend, entsteht rasch skizzierend ein Entwurf in Wasserfarben. Gelegentlich ist es geradezu ein Wettlauf mit dem sich von Augenblick zu Augenblick verändernden Licht. Später, zuhause im Atelier, folgt dann das Schneiden der Druckplatten, das äußerste Genauigkeit und ruhige Konzentration in meditativer Sammlung erfordert. Die Vereinigung dieser beiden Gegenpole, das blitzschnelle Skizzieren der augenblicklichen Stimmung, das keinen Raum für abwägende Gedanken lässt, und die in absoluter Konzentration vollzogene Umsetzung, die keine Ablenkung verzeiht – dies sind die äußeren Abläufe, in denen diese Werke mit ihrer geheimnisvollen faszinierenden Wirkung auf den Betrachter entstehen.

Zum ersten Mal lernte ich Eva Pietzckers Druckgraphiken in einer kleinen Galerie in Berlin Kreuzberg kennen. Genau genommen war es die Einladungskarte zur Vernissage einer Sammelausstellung, die eine Radierung von Eva Pietzcker zierte, von der Galeristin wohl in der Annahme ausgewählt, ihre überwältigende Wirkung würde die Besucher in die Ausstellung locken. Es war ein echtes „Oh wow!“ Erlebnis. Die Karte erfüllte ihre Mission. Ich besuchte die Ausstellung – und ich erwarb den Druck.

Wenn ich jetzt der Frage nachzugehen versuche, was den Betrachter so in den Bann zieht, ihn regelrecht „umhaut“, so begebe ich mich auf heikles Terrain. Es ist zumindest für den Fachmann leicht, über Kunst zu reden, solange er die Technik würdigt, den Stil einordnet, die Bereicherung des Genres durch die Künstlerin darstellt. Sicherlich trägt die phantastische Beherrschung der Technik, wie sie etwa in den mehrfarbigen und komplexen Holzschnitten mit ihren hauchdünnen Linien auch dem Laien ins Auge springt, zur Wirkung der Drucke bei. Die Auswirkung auf den Betrachter ist aber nicht geringer bei den vordergründig schlichter scheinenden Arbeiten. Zudem ist Perfektion in der Kunst für den modernen Menschen bereits so zur Selbstverständlichkeit geworden, dass er eher das Fehlen bemerken als dass er sie würdigen wollte. Die Wirkung auf den Betrachter hat vielmehr etwas mit jener transzendenten Dimension zu tun, die echte Kunst von den Werken unterscheidet, die es nur gerne sein möchten. Hierzu Substanzielles zu sagen, fällt dem der Rationalität verpflichteten Menschen der Moderne eher schwer. Ein Holzschnitt ist ein Bild, unsere moderne Sprache – mit Ausnahme der Poesie natürlich – auf die Darstellung von sachlichen Zusammenhängen unter Verwendung wohldefinierter Begriffe spezialisiert. Vielleicht hilft also ein Gedicht, etwa eines der legendären Gedichte aus der Tang Zeit, die für ihre Naturstimmungen berühmt sind.


白日依山盡,
黃河入海流。
欲窮千里目,
更上一層樓。



Auf dem Turm
Eine strahlende Sonne versinkt langsam hinter den fernen Bergen.
Dort der Gelbe Fluss, der sich ins Meer ergießt.
Wünschst du noch weiter zu sehen?
Dann steige empor zur nächsten Ebene.


Den zweiten Teil des Gedichtes, der im Chinesischen zu einer stehenden Redewendung geworden ist, hat Eva Pietzcker immer schon mit viel Unternehmungslust und Neugier in die Tat umgesetzt: Recherche zum traditionellen Holzschnitt 2003 in China, Studien zum japanischen Holzschnitt und der japanischen Papierherstellung 2003 und 2004 in Japan, 2009 Porzellanmalerei in China, dazwischen Studien- und Arbeitsaufenthalte in den USA und Kanada. Eva Pietzcker will es immer ganz genau wissen, eine kompromisslose Hinwendung und Vertiefung in die Sache zeichnen sie aus, ohne die in einer so anspruchsvollen Technik schwerlich Perfektion zu erreichen ist.

Um dem Geheimnis der oben erwähnten transzendenten Dimension auf die Spur zu kommen, will ich mich dem Thema von der asiatischen Seite her nähern. Das hat gleich zu Beginn den Vorteil, dass der etwas ominöse Begriff der Transzendenz, der zwar leicht zu definieren aber schwer zu begreifen ist, seinen Schrecken verliert, da er gegenstandslos wird. Eine Transzendenz in unserem Sinne, als etwas a priori jenseits der Möglichkeit sinnlicher Erfahrung liegendes, gibt es nur in der westlichen Kultur. Der Rest der Welt, insbesondere auch ihr asiatischer Teil, kennt nur eine Welt. Der Kosmos des chinesischen Kulturkreises – und auf diese, die ganze Region prägende kulturelle Basis möchte ich mich hier stützen – ist eine Welt der Erscheinungen. Am deutlichsten ist das im Chinesischen selbst, hier ist auch die Sprache Bild. Und nicht ganz ohne Grund hat das Japanische auf den Gebrauch der chinesischen Schriftzeichen nicht verzichten wollen.

Dieses Vorgehen, der Verzicht auf klar definierte Begriffe zugunsten des Bildhaften als Ausgangspunkt der gedanklichen Annäherung an einen Gegenstand, hat allerdings auch seinen Preis. Wir landen bei Begriffen, wie dem im Westen populär gewordenen 道 Dao, dem Weg, der für die ursprüngliche Natur eines Dinges oder auch eines Menschen steht. Oder wir stoßen auf Aussagen wie 大象无形 „Das vollkommene Bild hat keine Form“, deren Sinn wir zwar zu erahnen glauben, die uns aber aufgrund ihrer Unbestimmtheit dennoch etwas ratlos zurücklassen. Um dem Verdacht esoterischen Geraunes zu entgehen, soll deshalb sogleich angemerkt werden, dass chinesische Begriffe stets an den Erfahrungshorizont des Lesers appellieren. Sie setzen voraus, dass er aufgrund eigenen Erlebens oder auch literarischer Kenntnis eine Vorstellung vom Beschriebenen hat oder entwickelt. Ihnen fehlt zwar der objektive Anspruch unserer Begriffswelt mit seinem Vorteil für die interpersonelle Kommunikation, sie eröffnen aber im Gegenzug der Sprache einen Weg in Welten, die sich der Objektivierung versperren.

Es ist diese größere Unmittelbarkeit, die diesem Ansatz zu einem Vorteil bei der Annäherung an Bildhaftes und damit eben auch an Bilder mit ihrer intensiven emotionalen Wirkung auf den Betrachter verhilft. Rechtfertigen kann ich diesen Ausflug in die Besonderheiten der asiatischen und speziell chinesischen Kultur durch die offenkundigen Anklänge in den Holzschnitten von Eva Pietzcker an die asiatische Welt und das große Interesse, das die Künstlerin der chinesischen Kultur und insbesondere der japanischen und chinesischen Kunst entgegenbringt. Es ist ja nicht nur die Technik selbst, die japanische Art des Holzschnittes, sondern insbesondere auch die Thematik ihrer Arbeiten, die Natur, genauer oft die eher unspektakulären Aspekte, die aber dennoch einen tiefen Eindruck in der menschlichen Seele hinterlassen, und deren Essenz in den Arbeiten von Eva Pietzcker unnachahmlich eingefangen ist.

Um dieser Essenz weiter nachzugehen, möchte ich den oben skizzierten Ansatz aufnehmen und auf die Bildersprache des Yi Jing (I Ging) zurückgreifen. Dieses als Buch der Wandlungen bekannte Werk aus der chinesischen Frühzeit deutet die gesamte Welt der Erscheinungen durch 64 Bilder, die ihrerseits aus je zwei der acht Trigramme zusammengesetzt sind. Die Bezeichnung Trigramm rührt daher, dass sie aus je drei durchgezogenen respektive unterbrochenen Linien bestehen, die für den Yang- oder Yin-Charakter der jeweiligen Position im Trigramm stehen. Diese Urbilder – von denen einige selbst Naturbilder heraufbeschwören und diese mit weitergehenden Aussagen verbinden – sind es, die das Bild dem begrifflichen Denken näherbringen können.

 

 

Das Innehalten, der Berg

Die Yang-Linie ist am Ende ihres Aufstiegs angelangt und kommt dort zum Stillstand. Eine Entfaltung, eine gestalterische Kraft, ist zu ihrer Vollendung gekommen, hat ihre zumindest momentan endgültige Form angenommen.

 

 

Das Sanfte, das Eindringen, der Wind

Eine Yin-Linie dringt von unten in eine aus lauter Yang bestehende Konstellation ein. Das Weiche erfasst das Feste und verwandelt es. Eine sanfte Brise bringt die Halme in Bewegung, verwandelt die vorher scheinbar leblosen, unbeweglich starren Halme in ein wogendes Meer.

 

 

Das Heitere, der See

Freundlich strahlend liegt die Oberfläche des Wassers vor dem Betrachter, ein friedliches und heiteres Bild. Das Weiche, das Yin, liegt an der Oberfläche und prägt das Bild, das im Übrigen aus lauter festen Yang-Linien besteht. Im Gegensatz zum ersten Beispiel, dem Berg, bildet hier das weiche Wasser, das keine feste Form annehmen kann, die Oberfläche und nicht hartes Gestein mit seinen bizarren Formen.

 

 

Vielleicht hilft dieser Brückenschlag von Eva Pietzckers Holzschnitten zum Buch der Wandlungen, ihre Bilder in sich eindringen, ja vielleicht sich sogar ein bisschen von ihnen verwandeln zu lassen. Ein chinesischer Ausdruck für das Studieren eines Gemäldes (读画 du hua) bedeutet, wörtlich übersetzt, das „Bild lesen“. In diesem Sinne wünsche ich dem Betrachter dieses Buches eine spannende, heitere und den Horizont erweiternde Lektüre.

 

Berlin, Februar 2013

 

 

 

 


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